Professor für klinische und Entwicklungspsychologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften - HAW - Fakultät Wirtschaft und Soziales - in Hamburg  
  
 
 
 
 
Bücher

Suess, G.J. & Hammer, W. (2010). Kinderschutz - Risiken erkennen, Spannungsverhältnisse gestalten. Stuttgart: Klett-Cotta.

STEEP-Praxishandbuch 2. Auflage (Klett-Cotta): ab sofort im Buchhandel erhältlich!

(Herausgeber der deutschsprachigen Ausgabe: Gerhard Suess)

 

Leseprobe / Inhaltsverzeichnis und Buchbeschreibung

 

Erziehung in Krippe, Kindergarten, Kinderzimmer
Erziehungsratgeber für Eltern, Erzieherinnen und Tagesmütter (erschienen im Klett-Cotta-Verlag 2009 )

(Gerhard J. Suess / Edith Burat-Hiemer)

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Pressestimmen

»Selbst Jungen und Mädchen mit einer ungünstigen Anlage haben gute Chancen, sich zu entwickeln, wenn die Bedingungen stimmen. Und so gelte es vor allem, Mütter frühzeitig in ihrer Rolle zu stärken, sagt der Hamburger Wissenschaftler Suess, der seine Erkenntnisse gerade in seinem Buch niedergeschrieben hat.« --Katja Thimm, Der Spiegel, 6.4.2009

»(…) lesenswert macht dieses Buch die gelungene Verbindung von Theorie und Praxis, die aus den vielfältigen Arbeitsfeldern der beiden Autoren einfließt.« --Claudia Freund, Welt der Kinder, 09/2009

 

 

 

Bindungstheorie und Familiendynamik

Anwendung der Bindungstheorie in Beratung und Therapie

Lothar Krappmann

Bindungsforschung und die Praxis der Kinder- und Familienhilfe

Die Beiträge dieses Buches "Bindungstheorie und Familiendynamik" sind für beide Bereiche wichtig, die im Untertitel genannt und verknüpft werden: sowohl für die Beratung und Therapie, der die Bindungstheorie als eine Orientierung der Arbeit für diesen Bereich erschlossen werden soll, als auch für die Bindungsforschung selber, die zwar in Auseinandersetzungen mit der therapeutischen Praxis entstand, aber sich doch immer wieder neu auf die sozialen Realitäten einlassen  muß, in denen Bindungs- und andere Beziehungen entstehen und sich wandeln. Schon der diesem vorausgegangene Band "Frühe Hilfen" (herausgegeben von G. Suess und W. Pfeifer) stellte einen wichtigen Schritt in der drängenden Aufgabe dar, die Bindungsforschung nicht nur in die verschiedenen Anstrengungen zu integrieren, familiale Entwicklungs- und Erziehungsbedingungen in beratungs- und therapiebedürftigen Situationen zu verbessern, sondern ihre Befunde generell einzubeziehen, wenn Bedingungen guten Aufwachsens in Familien, Kindertagesstätten, Schulen und in den vielfältigen Spiel-, Sport- und Kultureinrichtungen für Kinder und Jugendliche außerhalb von Familien entworfen und gesichert werden sollen. An allen diesen Orten des Kinder- und Jugendlichenlebens treffen Kinder und Jugendliche auf andere, Erwachsene und junge Menschen, mit denen zusammen sie Fähigkeiten, Einstellungen und Handlungsziele ausbilden. In den Lösungen und Mißerfolgen dieser Entwicklungs- und Lernaufgaben spiegelt sich auch die Qualität der Beziehungen wider, in denen sich Kinder und Jugendliche erleben.

Unter diesen Beziehungen der Kinder und Jugendlichen gibt es Beziehungen, die sich durch intensive, nicht auf einen Teilbereich des Lebens eingrenzbare Bindung auszeichnen, Beziehungen, die sich beim Zusammenspiel oder in der Zusammenarbeit bilden und die ebenfalls Verläßlichkeit verlangen. Da sind auch Beziehungen, die funktional ausgerichtet sind, ohne die Person herauszufordern, und doch wichtige Erfahrungen vermitteln, und außerdem periphere Beziehungen, die auch nur hilfreich sind, wenn sie angemessen gestaltet werden. Erst allmählich hat sich die Einsicht verbreitet, wie entscheidend es für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist, aber auch für eine erfolgreiche und befriedigende Tätigkeit in allen erzieherischen, lehrenden, beratenden und helfenden Berufen, die Qualität dieser Beziehungen zu beachten, zu schützen und gegebenenfalls zu fördern. Viele Fragen sind durch diese gestärkte Aufmerksamkeit in den Einrichtungen des Kinderlebens ausgelöst worden, Fragen, die sich nicht nur auf die Rolle von Beziehungen in Notsituationen beziehen, sondern zum Beispiel ebenso auf den Wandel der Eltern-Kind-Beziehung durch den Besuch von Kindergarten und Schule, auf die Art der Erzieherin-Kind-Beziehung, auf Beziehungsverluste und Beziehungsgewinne beim Wechsel vom Kindergarten zur Schule, von Schule zu Schule bis hin zu den Folgen für die Beziehungen von Kindern und Jugendlichen bei offenen Gruppen- und Bildungsangeboten in Kindergärten und Schulen.

Eine Beziehungswissenschaft, wie sie sich in der Bindungstheorie und -forschung repräsentiert, kann zu diesen Bereichen des Kinder- und Jugendlebens viele klärende und praxisrelevante Überlegungen beisteuern, wie der vorliegende Band beweist. Diese Erkenntnisse werden aber nur angenommen werden, wenn die in der Bindungsforschung Tätigen auf der einen Seite und die am Aufwachsen und an der Bildung der Kinder und Jugendlichen in vielerlei pädagogischen und anderen unterstützenden Rollen Beteiligten auf der anderen Seite sich gegenseitig mit ihrem jeweils eigenen Blick in die Welt der Heranwachsenden respektieren. In dieser Hinsicht gab es lange Zeit erhebliche Spannungen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe hatten den Verdacht, daß es der Bindungsforschung immer nur um die Bindung an die Mutter in einer unrevidierbaren schicksalhaften Qualität ginge, sie bemängelten, daß keine positive Vorstellung vom Wandel von Beziehungen entfaltet würde, und kritisierten, daß infolge der Überkonzentration auf Bindung der eigentlich immer mitzudenkende und gleichfalls zu verfolgende Pol der Exploration vernachlässigt worden sei. Der Streit um Krippe und Tagesmütter in den 70er Jahren trug erbitterte Züge und flackerte bei der Reorganisation der Betreuungseinrichtungen in den ostdeutschen Bundesländern noch einmal auf.

Ob in diesen Kontroversen nur Mißverständnisse gegeneinander standen oder ob es auch Anlaß für skeptische Einschätzungen gab, soll hier nicht untersucht werden. Jedenfalls verfolgten diejenigen, die sich für Kinder und Jugendliche über die Familie hinaus in Einrichtungen und Programmen engagierten, andere Prioritäten, denn sie versuchten jungen Menschen den Weg ins soziale, gesellschaftliche und mitbürgerliche Leben zu bahnen, unterstützten also vor allem die Exploration der Kinder und Jugendlichen und mißtrauten dem Bindungskonzept, das in ihren Augen keine Hilfe für Schritte zur selbstverantworteten Lebensgestaltung der Heranwachsenden bot. Wahrscheinlich hat der Begriff der "sicheren Basis", die ein Kind zur Exploration brauche, mehr als die vorhandenen klugen Darlegungen über das Verhältnis von Bindung, Abhängigkeit und Autonomie dazu beigetragen, diese ineinander verwobenen Prozesse von Unterstützung und Autonomieentwicklung dialektisch zu verstehen und Nachdenklichkeit zu erzeugen.

Allerdings hat die Bindungsforschung, konzentriert auf die Entstehung der ersten Beziehungsmodelle in der frühen Kindheit, der oft wechselvollen Geschichte dieser Beziehungen über Kindheit und Jugend hinweg anfänglich wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Inzwischen hat sich der Blick zwar durch Daten aus voranschreitenden Längsschnittuntersuchungen auf Entwicklungsphasen bis ins Erwachsenenalter hinein erweitert. Dennoch fallen nach Meinung der im Feld der Kinder- und Familienhilfe Tätigen den Bindungsforschern immer noch fast ausschließlich "dramatische Lebensereignisse" auf, die die Kontinuität von sicheren Bindungen gefährden, als die vielfältigen, alle Sozialerfahrungen durchtränkenden Lebenswelten, in denen Kinder und Jugendliche aufwachsen. In ihnen gibt es nicht nur die Eltern-Kind-Beziehung als notwendige Unterstützung von Entwicklungsprozessen, sondern Beziehungen verschiedener Art, deren Qualität nicht durch Vergleich mit den familialen Bindungsbeziehungen zu bestimmen ist und die produktiv zu gestalten für Kinder und Jugendliche bei ihren Auseinandersetzungen mit den sie konfrontierenden Entwicklungsaufgaben entscheidend ist. Diese eigenen Bemühungen der Kinder und Jugendlichen um ihre Beziehungen sind durch Elternhilfe nicht zu ersetzen.

Zu den Personen, zu denen Kinder eine fördernde Beziehung gewinnen sollten, gehören nicht nur Erwachsene, Erzieherinnen, Lehrer, vielleicht ein Trainer im Sportverein oder ein Sozialarbeiter auf dem Spielplatz, sondern auch gleichaltrige und ältere Kinder und Jugendliche. Auf dem Hintergrund meiner Studien über Kinder im Klassenzimmer und Unterricht wird deutlich, daß in den Beziehungen zu anderen Kindern und Lehrern Leistungen verlangt werden, die neue Fähigkeiten erfordern, insbesondere solche, die um Anerkennung und Reziprozität, um Partizipation und Solidarität kreisen. Aus den Untersuchungen in der Tradition der Bindungstheorie wissen wir, daß die früh entstandenen Beziehungsmodelle immer noch wirksam sind. Dennoch wird nicht nur auf neue Fälle angewandt, was in Eltern-Kind-Beziehungen grundgelegt wurde, sondern Sozialisationserfahrungen und antwortende Entwicklungsschritte eigener Art kommen hinzu. Auch die Inhalte dieser Beziehungen sind anders und bestimmen mit, was in Kindheit und Jugend in zunehmender Differenzierung als gute, stützende Beziehung erlebt wird: Zusammenarbeit und Lernen, Selbständigkeit und Für-einander-Eintreten, Abenteuer und Risiko, Freundschaft und Sexualität, Vorlieben und Mißbilligung. Möglicherweise ist Verläßlichkeit mehr die Dimension der Qualität in diesen Beziehungen als Bindung, und offenkundig ist nicht nur das Nähe suchende Verhalten ein Weg zur Selbstvergewisserung, sondern auch die Differenzierung der Perspektiven und die Abgrenzung der individuellen Handlungsziele. Diese Prozesse können durchaus auch ein Umweg zu einer intensiven, nicht mehr kindlichen Eltern-(erwachsenes)Kind-Beziehung sein, die ein Leben lang bestehen kann.

Diese Schritte des Aufwachsens vollziehen sich in alltäglichen Vorgängen, sie erfordern Anstrengungen, werden von Hoffnungen und Enttäuschungen begleitet, es gibt Streit und Krisen, dann wieder großzügige Hilfen und gute Phasen, Brüche und Neuanfänge, Protest und Anpassung, Auszüge und Rückkehr. Es gibt Mißhandlung und Mißbrauch, wobei zumeist allein die Familie als Ort des unsensiblen Umgangs, der Vernachlässigung und der Verletzungen zur Kenntnis genommen und darüber vergessen wird, wie viel Rücksichtslosigkeit, Ausbeutung und Instrumentalisierung und wie viele Verstöße gegen kindliche Interessen und Selbstbestimmung auch in anderen Lebens- und Beziehungsbereichen von Kindern und Jugendlichen stattfinden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe haben den Verdacht, die Bindungsforschung interessiere sich dafür nicht, starre auf die Mutter-Kind-Bindung und wisse trotz ihrer Daten über dramatische Lebensereignisse nichts von den alles durchdringenden "lebensweltlichen" Bedingungen des Erwachsenwerdens in Kindheit und Jugend.

Ob dieser Verdacht zu Recht oder zu Unrecht bestand, sei gleichfalls dahingestellt: Das vorliegende Buch bezeugt, daß inzwischen Aufgeschlossenheit für das, was die jeweils andere Seite zu bieten hat, vorhanden ist. Diese Aufmerksamkeit ist an einer Nahtstelle von Bindungsforschung und Lebensalltag von Kindern und Jugendlichen wach geworden, nämlich im Bereich von Erziehungs- und Familienberatung und Therapie. Besonders deutlich fließen hier Problemanalysen aus der Sicht einer Theorie sowie Beziehungen formende und verformende Lebensrealitäten, die an Kindern, Jugendlichen sowie ihren Müttern und Vätern haften, zusammen. Die Beiträge dieses Buches zeigen, daß diese Schnittstellen sowohl für die Theorie und die Untersuchungsziele der Bindungsforschung als auch für die Praxis derer, die "positive Lebensbedingungen" für Kinder und Jugendliche schaffen wollen (wie das Kinder- und Jugendhilfegesetz die Aufgabe formuliert), eine große Chance enthalten. Die Bindungsforschung wird herausgefordert, die Vielfalt der Beziehungen in ihrer jeweils eigenen Qualität und in ihrem Beitrag zur Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu untersuchen, und kann darüber, wie in diesem Buch nachzulesen ist, auch bereits außerordentlich Wissenswertes berichten. Die Praktiker des außerfamilialen Sozialisationsbereichs von Kindheit und Jugend finden eine Perspektive, unter der sich ein wichtiger Teil ihrer Erfahrungen ordnen läßt. Sie bietet auch Argumentations- und Entscheidungshilfen, wenn das Zusammenspiel zwischen Familie und Einrichtungen gestützt, die personale Beziehung zu wichtigen Personen gesichert, Übergänge zwischen Institutionen erleichtert und Brüche im Entwicklungsweg der Kinder vermieden werden sollen.

Kurzum: Beide Seiten, die hier kooperieren, können hinzugewinnen. Daher wünsche ich, daß dieses Buch in viele Hände gelangt, die Beiträge gelesen und ihre Überlegungen und Empfehlungen in die Forschung der Bindungstheorie und in die Praxis der Kinder- und Familienhilfe umgesetzt werden.


Literaturhinweise:

Ainsworth, M. D. (1972). Attachment and dependency: A comparison. In J. L. Gewirtz (Ed.), Attachment and dependency (pp. 97-137). New York: Wiley.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hsg.) (1998). Zehnter Kinder- und Jugendbericht: Bericht über die Lebenssituation von Kindern und die Leistungen der Kinderhilfen in Deutschland. Bonn: Bundestags-Drucksache 13/11368.
Krappmann, L. (2001, Februar). Bindungsforschung und Kinder- und Jugendhilfe - Was haben sie einander zu bieten? Vortrag beim Symposium "Welten der Kindheit und Familie" anläßlich des 60. Geburtstages von Ludwig Liegle am 2. Februar 2001, Universität Tübingen (zum Druck eingereicht).
Krappmann, L., & Oswald, H. (1995). Alltag der Schulkinder. Weinheim: Juventa. 224 pp.
Sroufe, L. A., Egeland, B., & Carlson, E. A. (1999). One social world: The integrated development of parent-child and peer relationships.
In W. A. Collins, B. Laursen, & e. al. (Eds.), Relationships as developmental contexts (pp. 241-261). Mahwah, NJ: Lawrence Erlbaum (The Minnesota symposia on child psychology: Vol. 30).
Suess, G. J., & Pfeifer, W. K. P. (Eds.).
(1999). Frühe Hilfen. Die Anwendung von Bindungs- und Kleinkindforschung in Erziehung, Beratung, Therapie und Vorbeugung. Giessen: Psychosozial-Verlag.
Zimmermann, P., Becker-Stoll, F., Grossmann, K., Grossmann, K. E., Scheurer-Englisch, H., & Wartner, U. (2000). Längsschnittliche Bindungsentwicklung von der frühen Kindheit bis zum Jugendalter. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 47, 99-117.