Leben und Wirken
Gerhard J. Suess war ein deutscher Psychologe, der sich über mehr als drei Jahrzehnte der Frage widmete, wie frühe Bindungserfahrungen die Entwicklung von Kindern prägen. Als Professor für Entwicklungspsychologie und Klinische Psychologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) verband er wissenschaftliche Grundlagenforschung mit der praktischen Arbeit in der Jugendhilfe und Erziehungsberatung.
Im Mittelpunkt seines beruflichen Lebens stand die Überzeugung, dass eine sichere Eltern Kind Bindung der wichtigste Schutzfaktor für die gesunde Entwicklung eines Kindes ist. Diese Überzeugung trug er in die Forschung, in die Lehre und in die Praxis. Sein Name ist untrennbar mit dem Präventionsprogramm STEEP verbunden, das er im deutschsprachigen Raum bekannt machte und weiterentwickelte.
Werdegang
Studium der Psychologie an der Universität Regensburg.
Postgraduales Studium am Institute of Child Development der University of Minnesota in Minneapolis als DAAD Stipendiat. Dort arbeitete er als Forschungsassistent bei Alan Sroufe, einem der führenden Bindungsforscher weltweit.
Wissenschaftlicher Assistent bei Klaus Grossmann an der Universität Regensburg. Promotion zum Dr. phil. im Jahr 1987.
Praktische Tätigkeit in der Jugendhilfe, unter anderem als Leiter in der Erziehungsberatung. 1999 Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten sowie zum Kinder und Jugendlichenpsychotherapeuten.
Professor am Department Soziale Arbeit der HAW Hamburg für Entwicklungspsychologie und Klinische Psychologie.
Habilitation an der Heilpädagogischen Fakultät der Universität zu Köln.
Forschung und STEEP
Der Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit lag auf der Evaluation und Verbreitung des Präventionsprogramms STEEP („Steps Towards Effective and Enjoyable Parenting"). STEEP wurde an der University of Minnesota auf der Grundlage von über 25 Jahren Längsschnittforschung mit belasteten Familien entwickelt. Das Programm begleitet junge Familien in schwierigen Lebenslagen bereits ab der Schwangerschaft und setzt auf videogestützte Beratung, regelmässige Hausbesuche und Eltern Kind Gruppen, um eine sichere Bindung zwischen Eltern und Kind aufzubauen.
Gerhard Suess brachte STEEP nach Deutschland und passte es an die hiesigen Strukturen der Kinder und Jugendhilfe an. Im Rahmen des Praxisforschungsprojekts „WiEge" (Wie Elternschaft gelingt) konnte er nachweisen, dass die Intervention die Bindungsqualität zwischen Müttern und ihren Kindern signifikant verbessert. Seine Forschung zeigte auch, dass der Bindungshintergrund der Fachkräfte selbst ein relevanter Faktor für den Erfolg der Intervention ist.
Über das STEEP Programm hinaus beschäftigte sich Suess mit der Frage, wie Erkenntnisse der Bindungsforschung in Beratung, Therapie und den Kinderschutz übertragen werden können. Er war Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) und setzte sich für den Ausbau früher, präventiver Angebote für Familien ein. Wer sich heute über Themen wie Elterngeld, Kindesunterhalt oder familienbezogene Sozialleistungen informieren möchte, findet auf Portalen wie hilfe.de praktische Rechner und Orientierungshilfen.
Sein besonderes Anliegen war es, die oft abstrakte Theorie verständlich zu machen. In seiner Expertise „Missverständnisse über Bindungstheorie", verfasst im Auftrag der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF), räumte er mit verbreiteten Fehlinterpretationen auf und gab Fachkräften eine fundierte Orientierung für die Praxis.
Ausgewählte Publikationen
- Was Kinder stärkt: Erziehung zwischen Risiko und Resilienz. Hrsg. mit G. Opp und M. Fingerle. 4. Auflage, Reinhardt Verlag, München/Basel, 2020.
- Attachment-Based Preventive Intervention: Lessons from 30 Years of Implementing, Adapting and Evaluating the STEEP™ Program. Mit M. F. Erickson, B. Egeland, H. Scheuerer-Englisch, H.-P. Hartmann. In: H. Steele, M. Steele (Hrsg.): Handbook of Attachment-Based Interventions. Guilford Press, New York, 2018.
- Effectiveness of attachment based STEEP™ intervention in a German high risk sample. Mit U. Bohlen, E. Carlson, G. Spangler, M. Frumentia Maier. Attachment and Human Development, Vol. 18, No. 5, 2016, S. 443–460.
- Erste Ergebnisse zur Wirksamkeit Früher Hilfen aus dem STEEP-Praxisforschungsprojekt „WiEge". Mit U. Bohlen, A. Mali, M. Frumentia Maier. Bundesgesundheitsblatt, Band 53, 2010, S. 1143–1149.
- Kinderschutz: Risiken erkennen, Spannungsverhältnisse gestalten. Mit W. Hammer. Klett-Cotta, Stuttgart, 2010.
- Erziehung in Krippe, Kindergarten, Kinderzimmer. Mit E. Burat-Hiemer. Klett-Cotta, Stuttgart, 2009.
- Bindungstheorie und Familiendynamik. Anwendung der Bindungstheorie in Beratung und Therapie. Hrsg. mit H. Scheuerer-Englisch, K.-W. Pfeifer. Psychosozial-Verlag, Giessen, 2001.
- Effects of Infant Attachment to Mother and Father on Quality of Adaptation in Preschool. Mit K. E. Grossmann, L. A. Sroufe. International Journal of Behavioral Development, Band 15, Nr. 1, 1992, S. 43–65.
Weitere Veröffentlichungen finden sich im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek sowie auf ResearchGate.
Auszeichnungen und Mitgliedschaften
Gerhard Suess war Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen, im International Advisory Board der Zeitschrift Attachment & Human Development sowie in der Society for Research in Child Development (SRCD). Daneben engagierte er sich im Beirat der Ehlerding Stiftung, in der Jury der Yagmur Gedächtnisstiftung und in der Ethikkommission der Psychotherapeutenkammer Hamburg.